Lev Naumov
Überlieferer einer großen Tradition

Rolf Walter
Piano News
März 2001

Die ersten bei uns im Westen bekanntgewordenen russischen Pianisten lebten im 19. Jahrhundert und ihre Reihe beginnt mit Namen wie Anton und Nikolai Rubinstein, Alexander Siloti, dessen Schüler Sergei Rachmaninov, Sergei Prokofiev und dem seinerzeit renommierten Pädagogen Pavel Pabst (mit seinen bekanntesten Schülern Igumnov und Goldenweiser). Alle hier genannten Namen stehen in Beziehung zum Tschaikowski-Konservatorium in Moskau; genannt werden muß hier natürlich auch der "Seiteneinsteiger" Heinrich Neuhaus, der an dies Konservatorium aus der Schule des in Berlin unterrichtenden Leopold Godowski kam.
Russische Musikausbildung gab es natürlich schon während der Zarenzeit; sie erlebte einen Aufschwung aber aufgrund von systematischer und kompromißloser Förderung in der kommunistischen Ära. Künstler der Sovietunion aus allen Bereichen - Literatur, bildende Kunst und Musik - haben die Welt bereichert und tun dies bis heute. Das konsequent zentralisierte sovietische Ausbildungssystem, in Rußland bis heute funktionierend, trug reiche Früchte. Bis heute gibt es nur wenige musikalische Ausbildungsstätten in Rußland, die weltweit bekanntgeworden sind und alle international bekanntgewordenen Musiker haben sie durchlaufen. An erster Stelle zu nennen sind hier die Konservatorien von St. Petersburg und Moskau.
Entsprechend dieser Umstände gibt es eine relativ kurze und gerade Linie von den Anfängen der sogenannten russischen Klavierschule bis heute, und Lev Naumov ist aufgrund seines Werdeganges und heutigen Alters einer der wenigen, die noch aus erster Hand von den berühmtesten Musikern des gerade zuende gegangen Jahrhunderts erzählen können. Dies macht ihn zu einer gesuchten Figur im Musikleben. Der Titel dieses Aufsatzes könnte vielleicht, mit einem Fragezeichen versehen, auch anders lauten: "Letzter Überlieferer einer großen Tradition?" Der heute 76-jährige Schüler von Heinrich Neuhaus, welchem viele die Vaterschaft der viel zitierten und bereits eingangs erwähnten russischen Klavierschule nachsagen, unterrichtet wie eh und je am Moskauer Tschaikowski-Konservatorium. Nach seinem eigenen Studium dort in der Klasse von Neuhaus wurde Naumov einer seiner Assistenten. Nach dem Tode von Neuhaus wurde zunächst dessen Klasse am Konservatorium auf seine drei Assistenten aufgeteilt und, nachdem auch einer von ihnen gestorben war, sein Sohn Stanislav, übernahm Lev Naumov auch dessen Schüler. Seitdem unterrichtet er ohne Unterbrechung am Tschaikowski-Konservatorium und brachte in den Jahrzehnten seines Wirkens vergleichsweise eine Riesenanzahl von erfolgreichen Pianisten heraus. Wenn man sich einmal nur auf Statistisches beschränkt: zu seinen Schülern gehören heute nicht weniger als 70 Pianisten, die auf internationalen Wettbewerben mit ersten Preisen ausgezeichnet wurden. Es ist sicher richtig, Lev Naumov wenn nicht als den, so doch als einen der erfolgreichsten Klavier-Pädagogen des vergangenen Jahrhunderts zu bezeichnen.
"Lev Nikolaewitsch, ich nenne hier nur einige Ihrer Schüler, die bei uns im Westen in den letzten Jahren bekanntgeworden sind: Andrei Diev, Andrei Gavrilov, Ilya Itin, Alexander Kobrin, Anna Malikova, Alexander Melnikov, Alexei Nasedkin, Konstantin Sherbakov, Alexei Sultanov, Alexander Toradze, Vladimir Viardo, ... und entschuldige mich, daß ich hier nicht alle nennen kann. Welches ist Ihr Geheimnis für einen derartigen pädagogischen Erfolg?"
Ich weiß nicht - vielleicht ist mein einziges Geheimnis Glück? Talent kann ich im Prinzip nicht machen, das muß von alleine dasein. Ich halte mich selbst für einen ziemlich normalen Menschen. Vielleicht wirke ich auf Schüler etwas anders weil ich mich noch immer als Komponist fühle? Vielleicht eine Mischung von allem?
Lev Naumov ist eine Ausnahme unter all seinen namhaften Kollegen, die am Tschaikowski-Konservatorium unterrichten. Bis heute gibt es unter ihnen einige, die noch über die Zeiten der beiden Neuhaus, Goldenweiser, Zak, Igumnov, Sofronitzky etc. berichten können. Bis heute ist er aber der einzige unter ihnen, der sich früh ausschließlich auf das Unterrichten konzentriert hat. Pianisten wie Dmitri Bashkirov, Sergei Dorensky, Rudolf Kehrer, Vladimir Krainev, Evgeni Malinin, Tatiana Nikolaeva, Eliso Virsaladze, Mikhail Voskresensky haben trotz ihrer Lehrtätigkeit am Konservatorium immer auch auf internationalen Bühnen konzertiert und dies mit zum Teil großen Erfolg.
"Was war der Beweggrund für Sie, es Ihren Kollegen nicht gleichzutun und auf eine Konzertkarriere zu verzichten?"
Dafür gibt es mehrere Gründe. Als ich noch selbst studierte, fühlte ich mich vielleicht mehr als Komponist denn als Pianist, jedenfalls war das mein Traum. Leider war ich nicht in der Lage wie Beethoven oder Chopin zu schreiben, aber weniger reichte mir einfach nicht. Ähnlich ging es mir auch mit dem Klavierspielen: ich konnte nicht alle Ideen umsetzen, wie ich wollte. Irgendwie saß ich immer zwischen den zwei Stühlen Komposition und Klavier. Weiter, ganz einfach: mein Nervenkostüm spielte mir gerne Streiche, wenn ich selbst auf die Bühne zu gehen hatte. Und schließlich: ich habe mich beim Unterrichten immer am besten, leichtesten ausdrücken können und dabei größere Zufriedenheit erfahren als in den anderen Bereichen. Bei der Entscheidung mich aufs Unterrichten zu konzentrieren spielte Genrich Gustawowitsch [Neuhaus, d.Verf.] für mich eine wichtige Rolle.
Die biographischen Daten Lev Naumovs sind relativ kurz zusammengefaßt wiedererzählbar. Er studierte am Konservatorium in Moskau bei Heinrich Neuhaus Klavier und Komposition bei V. Schebalin und A. Alexandrov. Was wenige hierzulande wissen: außer mit Klavier machte er auch mit Komposition 1950 einen eigenen Hochschulabschluß und begann durchaus ernsthaft sich auf diesem Feld zu betätigen. So stammen vom Komponisten Naumov eine Kantate, eine Sinfonie, ein Streichquartett, zwei Lieder für Stimme mit Orchester und eine Reihe von Klavierstücken wie eine Passacaglia und Fuge, eine Sonate, zwei Konzertetüden. Beim 3. Tschaikowski-Wettbewerb 1960 in Moskau war sein Lied "Alenuschka" Pflichtstück des Gesangswettbewerbes.
Nach seinem Studium begann Lev Naumov sofort zu unterrichten. Mitte der 50er Jahre machte ihn Heinrich Neuhaus dann zu seinem Assistenten am Konservatorium; gleichzeitig assistierten ihm sein eigener Sohn und Schüler Stanislav und als dritter Evgeni Malinin.
1967 wurder Naumov offiziell als Dozent mit seiner eigenen Klasse betraut und 1976 wurde er zum Professor ernannt. Schon 1966 wurde er zum "Verdienten Künstler der Russischen SSR" ernannt und 1973 erhielt er den Titel eines "Verdienten Künstlers der UdSSR".
Nicht nur betreut Lev Naumov bis heute eine internationale Klasse am Konservatorium in Moskau, sondern er wurde und wird weltweit in Juries großer Klavierwettbewerbe ebenso eingeladen wie zu zahlreichen Meisterklassen in Deutschland (mehrere Male zum Schleswig Holstein Festival), England, Frankreich, Italien, Schweiz, ebenso in Amerika, Japan.
"Lev Nikolaewitsch, bei uns im Westen kursiert seit Jahrzehnten der Begriff "Russische Klavier-Schule". Obwohl wir dabei zuerst an solche eminenten Musiker, nicht "nur" Pianisten, wie Gilels, Horowitz, Richter, Berman denken, würde vielleicht der Ausdruck "russischer Pianismus", nicht bei allen beliebt, mehr den Kern treffen. Was verbinden Sie aus Ihrer Sicht mit dem Begriff Russkaja Schkola?"
Eigentlich liebe ich diesen Begriff nicht. Gibt es sie wirklich, oder etwa doch nicht? Vielleicht gibt es eine nordische Schule, wenn ich an einen Komponisten wie Grieg denke. Oder vielleicht eine französische, mit Namen wie Debussy, Ravel, Messiaen. Aber eine russische? Vielleicht leben wir heute auf Kosten der Traditionen einer sogenannten russischen Schule. Aber wir, heute, bilden sie meiner Meinung nach nicht...
"Wenn Russen bei uns im Westen Tschaikowski oder Prokofiev spielen, ernten sie damit oft Erfolg und Respekt. Bei Komponisten wie Mozart, Beethoven oder etwa auch Debussy, Ravel gelingt das bisweilen nicht im selben Maße. Können Sie entsprechende Vorurteile nachvollziehen? Weiterführend gefragt: haben für Sie die musikalischen Fähigkeiten eines Musikers mit seiner Herkunft zu tun? Ich frage auch nach Ihren Erfahrungen mit vielen jungen Pianisten, die heute aus asiatischen Ländern kommen und von denen eine ganze Reihe auch in Moskau studieren."
Ganz sicher haben Mentalität und Charakter mit jemandes Herkunft zu tun, obwohl ich glaube, daß ein Genie auch über Grenzen hinauswachsen oder sie sprengen kann. Trotzdem hat eine Person oder Persönlichkeit immer mit dem Humus zu tun, aus dem sie kommt. Wer in einer bestimmten Kultur aufwächst, kann sie natürlicher leben und sich in ihr verstehbarer ausdrücken als jemand, der "Informationen" über sie sammelt. Diese Dinge haben nichts mit richtig oder falsch zu tun sondern beruhen auf ganz natürlichen Empfindungsunterschieden. Ich glaube schon, daß es so etwas wie nationale Mentalität gibt.
"Sie sitzen heute nicht nur in Juries bei den wichtigsten internationalen Wettbewerben (Naumov unterbricht: nicht so sehr viel!), sondern unterrichteten auf vielen internationalen Meisterkursen. Wenige dürften international über einen ähnlich guten Überblick verfügen, was den Ausbildungsstand der nachfolgenden Pianistengeneration betrifft. Ist für Sie in diesem Bereich überhaupt noch eine Steigerung vorstellbar? Provokant ausgedrückt: haben wir in der Zukunft mit Massen von Gilels und Richters zu rechnen?"
Ganz sicher nicht - vorausgesetzt jedenfalls, daß man sie nicht noch nachträglich klonen kann! Da muß man ja beinahe schon Angst vor haben. Eine Steigerung beim Klavierspielen? Um Gottes willen, bloß nicht!! Ich glaube nicht, daß prinzipiell besser Klavier gespielt werden kann als heute. Ich möchte beinahe andersherum sagen: bei der Riesenmenge von fabelhaft spielenden jungen Pianisten mag es sein, daß echtes musikalisches - nicht pianistisches! - Talent möglicherweise schwerer zu aufzufinden sein wird. Wenn ich mir versuche vorzustellen, daß Neuhaus oder Sofronitzky in heutigen Wettbewerben spielen... nein, ich stelle mir das besser nicht vor: nie hätten die Wettbewerbe gewonnen. Es gab und gibt Beispiele, daß Pianisten auch ohne Wettbewerbe "groß" wurden. Zwar sitze ich manchmal in Juries, aber meiner Meinung nach machen Wettbewerbe musikalisch keinen Sinn und eigentlich liebe ich sie auch nicht besonders.
Trotz aller Lebensumstände, die einem früher aus politischen und heute aus ökonomischen Gründen in Rußland das Leben schwer machen und die viele russische Musiker ins Ausland treiben, macht Lev Naumov einen nicht nur ausgeglichenen sondern auch zufriedenen Eindruck. Ihm würde es im Traume nicht einfallen etwa bequemer im Ausland zu leben. Er hat sich mit beständigem Einsatz und letztlich viel Kraft eine Welt gebaut, in der er glücklich scheint. Mit ihm zu sprechen (auf Russisch, obwohl er sich mit deutscher Literatur befaßt hat und etwas Deutsch versteht) heißt eine Persönlichkeit kennenzulernen, die über einen immer noch hochlebendigen Geist verfügt. Er kann über ein langes Künstlerleben an einer der kulturell reichsten Stätten der Welt erzählen. Nicht weiter zu unterrichten scheint ihm nicht vorstellbar. Obwohl Naumov technisch Pensionär ist, erlaubt das russische System ihm (und anderen seiner Kollegen), daß er unbegrenzt offiziell unterrichten kann.
Als Person ist er alles andere als das, was man sich unter einem typischen Russen vorstellen könnte. Charme, entwaffende Offenheit und Natürlichkeit und eine große Empfindsamkeit prägen seinen Charakter. Diese Persönlichkeitsmerkmale müssen mit Gründe seines pädagogischen Erfolges sein. Dabei sind seine Überzeugungen manchmal von überraschender, kaum zu übertreffender Einfachheit. Auf die generelle Frage zum Beispiel, welche pianistischen und musikalischen Entwicklungen er sich für die Zukunft vorstellt, würden Andere möglicherweise weit ausholen und komplizierte Antworten geben. Bei Naumov kommt ansatzlos und ohne zu überlegen die Antwort: ...keine Ahnung. Ich weiß nur: es gibt Bach, und der bleibt uns erhalten...