Lev Naumov,
Meine musikalische Instanz

Nachruf von Anna Malikova
für Piano News
September 2006

Am 21. August 2005 verstarb der berühmte russische Klavierlehrer Lev Naumov im Alter von 80 Jahren in seiner Wohnung in Moskau. Die Pianistin Anna Malikova war lange Jahre seine Studentin und Assistentin. Sie erinnert an den großen Pädagogen.
Es war der traurigste Moment meines Lebens, als ich vom plötzlichen Tode meines Lehrers Lev Naumov hörte: ich kam von einer Konzertreise aus Brasilien zurück und wurde von meinem Mann mit dieser Nachricht am Flughafen empfangen. Gerade noch schafften wir Flüge nach Moskau zu organisieren, um bei der Beerdigung dabei zu sein.
Als einem der wichtigsten Pädagogen des Tchaikovsky Konservatoriums wurde ihm ein offizieller Abschied im Bolshoi Saal bereitet. Wie bei uns in Rußland üblich, nimmt jeder am offenen Sarg vom Verstorbenen Abschied. Bei dieser Zeremonie hielten langjährige Kollegen, einige Schüler, Freunde und auch ich abwechselnd Totenwache; eingerahmt wurde das Ganze vom Spiel einiger Schüler und von Abschiedsworten des Rektors Tigran Alikhanov, einiger Kollegen und einem Grußwort des Ministers für Kultur und ehemaligen Rektors Alexander Sokolov. Bei der Totenwache zogen Episoden meiner vielen Jahre bei Lev Nikolaevich wie im Zeitraffer an mir vorbei. Mit Liova - wir alle Schüler und Freunde sprechen über ihn immer mit seinem Kosenamen - verbindet mich weit mehr als ein normales Schüler-Lehrerverhältnis. Für viele von uns stellt er die Instanz eines Vaters dar und für alle hat er wohl auch nach seinem Tod die letzte künstlerische Kompetenz.
Ich selbst hatte das große Glück, als 14jährige in seine Klasse aufgenommen zu werden und kam aus Taschkent in das Internat der Zentralen Musikschule Moskau. Für mich als junges Mädchen wurde er mit seiner auch erst vor kurzem verstorbenen Frau Irina Ivanovna sofort zum Elternersatz und diese Bezugspunkte sind sie bis zum Ende ihres Lebens geblieben. Mehrmals in der Woche hatte ich Unterricht und unzählige Male bin ich seit diesen frühen Jahren bei ihnen zuhause gewesen. Sowohl an der Zentralen Musikschule als auch am Konservatorium war Liova mein Hauptmentor. Nachdem ich dort mein Examen und die Aspirantura (= Konzertexamen) abgelegt hatte, übernahm er mich als seine Assistentin für seine Klasse. Insgesamt konnte ich mehr als sechzehn Jahre intensiv von ihm profitieren, was für mich ein großes Geschenk bedeutet und mich künstlerisch maßgeblich geprägt hat.
Auch wenn es uns im täglichen Konservatoriumsbetrieb nicht in jedem Moment gegenwärtig war, betrachteten wir, seine Schüler, ihn im täglichen Leben immer fast mit Ehrfurcht - er ist bis heute letzte moralische und musikalische Instanz für uns. Tatsache ist, daß Liova einer der seltenen Menschen ist, die von jedem geliebt werden. Zwar halten manche Menschen ihn mehr für naiv als geschickt, mehr für einen Träumer als Realisten. Da ist vielleicht etwas dran. Aber es trifft mehr den Kern seine außerordentliche Ehrlichkeit und Natürlichkeit anzuerkennen, die sich gepaart mit Humor, hoher Intelligenz und großem persönlichen Charme zu einer einzigartigen und liebenswerten Persönlichkeit vermengten. Auf ziemlich unvergleichliche und einzigartige Weise haben es Liova und Irina geschafft mit den täglichen Schwierigkeiten fertig zu werden, die das Leben im Kommunismus und in dem Durcheinander danach einem Musiker in Rußland auferlegt.
All diese Charakterzüge kulminierten in seinem Unterricht zu reicher musikalischer Phantasie, an der er uneingeschränkt seine Schüler teilhaben ließ. Dabei machte er konsequent nie Unterschiede - egal, ob im Klassenzimmer oder auf Meisterkursen, egal ob bei eigenen Schülern oder nicht, egal wie begabt oder unbegabt sein jeweiliger Student war. Ebensowenig ließ er sich in seiner eigenen Meinung beeinflussen, wenn es um die Beurteilungen von musikalischen Leistungen in Examina oder auf Wettbewerben ging. Zu letzteren hatte er übrigens ein eher gestörtes Verhältnis: er arbeitete nur selten und ungerne als Juror und betrachtete Resultate von Wettbewerben oft mit gemischten Gefühlen.
Staunenswert ist, welchen Erfolg Liova als Pädagoge hatte. Zwar ist unser Erziehungssystem in Rußland bis heute ausgelegt, solchen Erfolg möglich zu machen. Aber zum Umsetzen der gegebenen Möglichkeiten gehören dann eben auch jahrzehntelang durchgehaltene Hingabe, nicht versiegende Kraft, pädagogisches und musikalisches Talent. Nur ganz, ganz wenige seiner Kollegen auf der ganzen Welt bringen es auf die gleiche Menge von ähnlich erfolgreichen Schülern. Eigentlich würde ich hier gerne Namen aufzählen, weil vermutlich nicht allen Lesern das Ausmaß seines Erfolges bekannt sein kann. Es ist aber an dieser Stelle unmöglich, denn dann müßte ich hier sicher weit über 50 Namen von Schülern aufzählen, immer noch ohne vollständig sein zu können.
Das Bewußtsein von Liova geprägt worden zu sein gibt mir menschlich und künstlerisch Sicherheit. Ich bin sicher, daß dies die meisten meiner Mitschüler für sich ebenso sehen. Gleichzeitig, auch da bin ich mir sicher, empfinden wir alle eine große Dankbarkeit für seine Hingabe, von der jeder von uns beinahe grenzenlos profitieren konnte.
Die Vorstellung ihn nicht mehr unter uns zu haben kann in mir nicht hochkommen. Er ist uns allen präsent wie eh und je. Selbstverständlich gelten seine Maßstäbe fort, die jeder von uns bei seinem musikalischen Arbeiten zu verwirklichen strebt. Ebenso selbstverständlich lebt er in unseren Gedanken und Gesprächen weiter, wie es immer der Fall war, so weit wir zurückdenken können. Sind wir vielleicht Zeuge davon, wie sich gerade eine Legende bildet? So, wie schon viele Jahre Heinrich Neuhaus eine Legende ist, die seinerseits immer von Liova mit lebendig gehalten wurde? Eigentlich kann es gar nicht anders sein.
Offizielle und größere Abschiedszeremonien, wie die obengenannte im Konservatorium, haben oft eine unwirkliche Atmosphäre. Offizielle Abschiedsworte können unter Umständen helfen, mit Trauer besser fertig zu werden. Dies ist den wenigsten von uns an diesem sonnigen Augusttag gelungen, weder im Konservatorium, noch danach in der Kirche oder auf dem Friedhof. Fast mußten wir bewundern, wie Liovas Tochter Natascha und ihr Sohn Alyosha ihre Fassung bewahren konnten: innerhalb von etwas mehr als einem Jahr haben die beiden Mutter und Großmutter, Mann und Vater, Vater und Großvater verloren. Aber vielleicht ist es ja auch so, daß zum Schluß einfach die Tränen nicht mehr reichten.
Es ist trotz allem schön zu wissen, daß uns Liova unverändert in Erinnerung bleiben kann. Am Sonntag, dem 21. August aßen er, Natasha und Alyosha in der Nähe ihrer Moskauer Wohnung zu Mittag, er war bester Dinge. Zwei Stunden später, wieder zuhause, blieb dann einfach sein Herz stehen...