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Im Jahre sieben nach dem Wettbewerbsgewinn
Nachdem Anna Malikova 1993 erstmalig seit 12 Jahren
einen 1. vergebenen Preis beim ARD-Wettbewerb erringen konnte, geht ihre
Karriere steil nach oben. Kaum vermutet man - trifft man Anna Malikova
-, daß sie zu solchen kräftezehrenden Leistungen am Klavier
imstande ist, wirkt sie doch eher zierlich und schüchtern zurückhaltend.
Doch, wenn das Gespräch auf die Musik kommt, bemerkt man schnell
das Feuer in ihren Augen, wird aus der zarten Person eine kraftvolle Pianistin,
die genau weiß, was sie will.
Liest man die Biographie der heute 35-jährigen Pianistin, so ist
man erstaunt über ihr noch geringes Alter, so viele Stationen finden
sich darin. Doch wir wollten einmal erfahren wie es ganz am Anfang war,
wollten den genaueren Lebensweg von ihr erfahren. "Es war bei
mir, wie es so oft der Fall ist: Mein Vater spielte Klavier und meine
Mutter auch. Also wollten sie mir auch ein wenig davon vermitteln",
erklärt sie unspektakulär. Dabei sind die Eltern beide professionelle
Musiker, haben beide am Taschkenter Konservatorium studiert, und unterrichteten
in der Heimat von Anna Malikova, in Taschkent. Ein Drängen auf eine
professionelle Basis hin gab es allerdings nicht. Dann allerdings gab
es ein frühes Schlüsselerlebnis: "Als ich eines Tages
mit meinem Vater - ich war sechs Jahre alt - in ein Konzert ging, trafen
wir eine ehemalige Studienkollegin meines Vaters, die an der Spezialschule
für Musik in Taschkent unterrichtete. Sie fragte, ob ich an dieser
Schule unterrichtet werden wollte." Damit war der Grundstein
gelegt, denn letztendlich waren gerade diese Spezialschulen die vorbereitenden
Einrichtungen für eine professionelle Musikausbildung. Die besten
Schüler dieser Schulen wurden aus der gesamten UdSSR später
nach Moskau geschickt. "Ich hatte Glück, daß ich eine
sehr gute Lehrerin bekam: Tamara Popovich", erklärt Anna
Malikova. Allerdings galt Tamara Popovich aus als extrem harte Lehrerin
und forderte ihre Schüler wie kaum eine andere. "Als ich
14 Jahre alt war, wurde ich dann schon nach Moskau geschickt. Und ich
war überrascht, wie groß und weiträumig in jeder Hinsicht
alles in Moskau war - im Vergleich mit Taschkent. Natürlich waren
in Moskau die besten Lehrer, Musiker, Künstler, Schauspieler und
Tänzer. Alles Kulturelle konzentrierte sich in Moskau und St. Petersburg.
Moskau war das Zentrum der Kultur. Und das ist sicher besser für
die Entwicklung eines Künstlers. Jedenfalls, als ich dort ankam,
traute ich meinen Augen kaum."
In Moskau kam sie sofort in die Klasse des legendären Lev Naumov.
Was machte das Besondere Naumovs aus? Malikova: "Ich konnte damals
und auch aus heutiger Sicht keinen besseren Lehrer finden. Das betraf
nicht nur den Unterricht, sondern auch seine Gefühlswelt und seine
Persönlichkeit. Er besitzt einen starken Charakter mit einem immensen
Einfluß auf seine Studenten. Erst heute verstehe ich in der ganzen
Tiefe seine Anweisungen, erkenne, wie genialseine Ideen und Hinweise waren.
Damals habe ich vielleicht aufgenommen was er sagte, aber erst heute beginne
ich nach und nach alles zu verstehen." Naumov war lange Assistent
von Heinrich Neuhaus, dem sogenannten Begründer der russischen Klavierschule.
Naumov spielt schon lange nicht mehr im Konzertsaal. Er hat sich aufgrund
der eigenen hohen Ansprüche an sein Spiel vom Podium zurückgezogen
und sich dann komplett dem pädagogischen Weg verschrieben. "Wenn
man diesen Bereich des Unterrichtens wirklich liebt, dann führt das
auch zu besseren Ergebnissen, als wenn man zwischen Konzertsaal und Unterricht
wechselt", erkennt die Pianistin heute. Bis zu 30 Studenten hatte
er und auch seine ehemaligen Schüler und Studenten kamen immer wieder
zu ihm, um ihm vorzuspielen und sich einen Rat zu holen. Das ist bis heute
so geblieben.
Mit 14 von zuhause fortzugehen, war auch für Anna Malikova hart:
"Ich war kein Typ, der schnell mit Menschen in Kontakt kam, ich
war sehr schüchtern. Meine Mutter hatte Angst, daß ich die
Großstadt und das Alleinsein nicht ertragen würde und sagte
mir, sie würde mich sofort zurückholen, wenn ich anrufen würde.
Aber Moskau war für mich wie ein Wunder: bereits nach drei bis vier
Tagen fühlte ich mich wie zuhause." Allerdings verlangte
das Leben im Internat seinen Tribut und auch das Leben als Student in
einem Gästehaus im damaligen Moskau war nicht einfach. Immerhin war
dies bei Anna Malikova das Zuhause für die folgenden 12 Jahre. Und
die Konkurrenz zwischen den Studenten, war die groß? "Das
war später im Konservatorum so. Aber in der Zentralen Moskauer Musikschule
war dies nicht der Fall. Im Konservatorium war dann das einzige Ziel:
An einem Wettbewerb teilnehmen. Das System war ja so: erst mußte
man im Konservatorium spielen, dann wurde man - wenn man gut genug war
- in die unterschiedlichen Republiken der Sowjetunion geschickt, um dort
aufzutreten. Die Besten, die danach noch übrig blieben, wurden dann
zu einem Wettbewerb zugelassen." Doch Anna Malikova erinnert
sich auch, daß dies nicht so einfach war, denn da die finanziellen
Mittel recht gering waren, konnten immer nur wenige Studenten zu den Wettbewerben
geschickt werden: "Meist nur drei oder vier Studenten." Das
ließ den Konkurrenzdruck natürlich ansteigen. Letztendlich
war sie insgesamt fünf Jahre in der Zentralen Musikschule bei Naumov,
dann weitere fünf Jahre im Studium, dann war sie für weitere
zwei Jahre in der Meisterklasse bei ihm und danach folgten weitere vier
Jahre als seine Assistentin. Eine lange Zeit, aber sie sagt heute: "Es
war wirklich toll."
Die ersten Konzerte, an die sich sich erinnert, hat sie bereits mit acht
Jahren gespielt: "Mit Orchester ein Konzert von Kabalewsky in Taschkent."
Mit 13 Jahren spielte sie bereits das 3. Klavierkonzert von Prokofiev
in ihrer Heimatstadt, noch bevor sie Studentin bei Naumov wurde. Ihre
Lehrerin Popovich war der Meinung: entweder man lernt ernsthaft für
die Bühne und nicht, um seinen Großeltern ein kleines Stück
vorzuspielen, oder man sollte es sein lassen. Doch das waren die ersten
kleinen Erfolge. Später galt dann auch für sie das System die
Wettbewerbe zu durchlaufen: "Sieben Mal habe ich versucht, zu
einem Wettbewerb geschickt zu werden. Aber es klappte nicht. Ich war immer
in der Auswahl innerhalb der Sowjetunion. Heute denke ich, daß es
für mich gar nicht schlecht war, daß es nicht früher geklappt
hat. Es hat mir Kraft und Durchsetzungswillen gegeben. Und wenn man zu
früh einen großen Wettbewerb gewinnt, dann hat man nicht genug
Repertoire, nicht genug Erfahrung. Sehr, sehr oft hört man von jungen
Wettbewerbern bald nichts mehr, da sie dem Druck nicht gewachsen sind."
Doch eines Tages kam sie durch, durch das System, und wurde zu Wettbewerben
geschickt. Oslo, Warschau und Sydney. Doch kein erster Preis sollte dabei
herausspringen. Allerdings war sie in jedem Wettbewerb ins Finale vorgedrungen.
Dann kam allerdings die Wende für das sowjetische System, der Fall
des eisernen Vorhanges. "Dann war auf einmal alles anders. Die
Preise der Wettbewerbsgewinne waren nicht so hoch, daß ich damit
eine Karriere starten konnte. Also entschied ich mich, noch einmal an
einem Wettbewerb teilzunehmen. Und da zeigte sich dann auch für uns,
daß jede Medaille zwei Seiten hat. Zwar war das System für
uns Künstler in der Sowjetunion sehr hart, aber wenn wir dann einmal
zu einem Wettbewerb geschickt wurden, dann mußten wir für nichts
zahlen. Wir brauchten uns dann nur auf das Spiel zu konzentrieren. Nun
waren wir plötzlich frei, wir konnten alles machen, aber wir hatten
kein Geld. Heute sagen viele Leute: Was ist los mit der russischen
Schule? Sie ist deutlich schlechter geworden.' Aber ich denke, daß
viele der begabten Studenten einfach kein Geld haben, um zu studieren."
Letztendlich hatte Anna Malikova Geld gespart und ist auf eigene Rechnung
nach München zum ARD-Wettbewerb gefahren.
Und es klappte. Das war 1993 und Anna Malikova war damals seit 12 Jahren
die erste im Fach Klavier bei diesem hochangesehenen Wettbewerb, der ein
1. Preis vergeben wurde. Der Beginn der Karriere? "Ja, in jedem
Fall. In den kommenden zwei Jahren habe ich wirklich viel gespielt. 50
bis 60 Konzerte im Jahr, das ist für mich sehr viel, da ich körperlich
einfach kaum mehr spielen kann", sagt sie, sich selbst bestens
einschätzend. Das war ein großer Unterschied zu der Zeit zuvor.
"Ich verstand auf einmal, daß es sehr anstrengend ist, eine
Solo-Karriere zu haben. Ich mag es beispielsweise nicht, ein und dasselbe
Programm sehr oft hintereinander zu spielen. Das ist dann nicht mehr frisch
für mich. Es wird nicht mehr so interessant, wenn man es zu oft spielt,
oder wenn man in diesem Programm nur immer wieder ein Stück austauscht.
Wenn man diesen Beruf seriös ausüben will, dann benötigt
man Zeit, Zeit zum Vorbereiten neuen Repertoires und neuer Programme.
Einige Pianisten benötigen mehr, andere weniger Zeit..."
Allerdings hatte sie 1993 bereits eine breitere Repertoirebasis, als wenn
sie diesen Preis ein paar Jahre zuvor errungen hätte. "Zudem
war ich bereits selbstbewußter. Ich hatte nicht nur die Ideen meiner
Lehrer im Kopf, sondern vollkommen eigene Ideen entwickeln können.
Immerhin hatte ich zu dieser Zeit bereits vier Jahre lang unterrichtet.
Auch das hat mir bei meiner künstlerischen Entwicklung geholfen."
Zu dieser Zeit lebte sie noch in Moskau und reiste von dort aus, "mit
all den kleinen Schwierigkeiten mit dem Visum", wie sie sich erinnert.
Bis 1996 blieb sie in Moskau und am Konservatorium, bevor sie nach Deutschland
kam. "Ich hätte auch weiter unterrichten können, aber
ich war so viel unterwegs, daß ich mich unwohl fühlte, da ich
einem anderen Assistenten nur die Stelle wegnahm," sagt sie ganz
im Sinne ihres Lehrers Naumov.
Mittlerweile hat Anna Malikova einige CDs für das italienische Label
Real Sound eingespielt. Fast alle wichtigen Werke von Chopin sind darunter,
aber auch solche von Liszt und Schubert. Soeben hat sie eine CD mit Werken
von Schostakowitsch eingespielt. Es scheint so, daß es doch bestimmte
Vorlieben für die Romantik und die russische Musik des 20. Jahrhunderts
gibt. "Als ich klein war, waren es Chopin und Liszt, die ich sehr
liebte; ein bißchen später dann Bach und Mozart; dann war es
Schubert; ein bißchen später wieder kam Ravel hinzu. Danach
habe ich Schostakowitsch und Prokofiev für mich entdeckt, oder besser
gesagt haben sich die Werke dieser Komponisten für mich geöffnet.
Heute kann ich wirklich nicht sagen, welche Werke ich mehr mag. Es gibt
so viele geniale Stile und Komponisten... Ich denke, eigentlich sollte
ein Musiker universell sein. Leider gibt es so viel an Repertoire. Das
bedeutet: selbst wenn man etwas wirklich gerne spielen will, heißt
das noch nicht, daß man es wirklich schon spielen kann oder sollte."
Bei den Beethoven-Sonaten will sie sich noch Zeit lassen - er steht noch
auf ihrer Liste. "Es gibt einige Werke, die ich spielen möchte,
die ich aber nicht spielen kann. Ich kann beispielsweise keine Dezime
mit Zwischentönen greifen, dazu ist meine Hand nicht geeignet. Also
warum sollte ich diese Werke dann spielen, wenn Andere das viel besser
können. Das ist also die Grenze meiner physischen Substanz."
In ihrem Spiel bemerkt man dies nicht, denn es ist kraftvoll und durchdringend.
Die Beethoven-Sonaten sollen aber in jedem Fall noch kommen, nachdem sie
die Konzerte des Klassikers bereits mehrfach gespielt hat.
Nach Vorbildern gefragt, nennt sie Gould und Koroliov als Bach-Spieler;
Perahia mit Mozart, Scriabin mit Sofronitsky. "Es ist sehr schwer
genau zu sagen, welcher Pianist mein Lieblingspianist ist. Es gibt so
viele, die für bestimmte Werke einfach herrlich anzuhören sind,
auch wenn diese Künstler alle Universalgrößen waren."
Dennoch besteht sie darauf, daß sie ihre eigenen Interpretationen
als Grundeigenes ohne Vorbilder findet, einen eigenen Ausdruck hat. Das
kann man nach dem Anhören ihrer CDs in jedem Fall bestätigen.
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